Wir benutzen verschiedene Begriffe, die noch keine Alltags-Sprache sind. Erklärungen für kursiv geschriebene Wörter findet ihr unten im Glossar.
Awareness ist eine der wirksamsten Anti-Repressions-Strukturen! Wie meinen wir das?
Durch Awareness-Arbeit können die emotionalen Repressionen durch Polizei und Gesellschaft gemeinsam abgefedert und aufgefangen werden. Awareness-Arbeit soll nicht nur eine Wohlfühl-Struktur schaffen, sondern beugt aktiv Traumata-Bildung vor.
Awareness-Arbeit wurde in Schwarzen und teilweise queeren Gemeinschaften entwickelt. Diese konnten sich nicht auf Staat und Polizei verlassen, da diese Institutionen die Ungleich-Behandlungen oft erst ermöglichten. Als vornehmlich weiße Gruppe von Menschen ist es uns wichtig, die Herkunft unserer Arbeits-Prinzipien zu nennen. Wir möchten die Errungenschaften dieser Gemeinschaften anerkennen und würdigen und sie uns nicht einfach nur aneignen.
Auf dem Camp
Auf dem Campgelände findet ihr uns bei dem Awareness-Zelt, direkt neben den Sanitäter*innen Zelt. Dort könnt ihr mit uns in Kontakt treten, Stimming-Toys ausleihen oder einfach nur bei uns existieren. Ihr erkennt uns außerdem an den lila Westen, die wir tragen. Es gibt ein reizarmes Ruhe-Zelt, wo ihr herzlich eingeladen seid, es euch gemütlich zu machen. Im barrierearmen Zelt können Rollstühle aufgeladen und Medikamente gekühlt gelagert werden. Zudem stehen Feldbetten als Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung. Im Außenbereich ist Platz für die Zelte der Bezugsgruppen.
Des Weiteren findet ihr auf dem Camp 3 teils selbstorganisierte Community-Zelte. Diese sind vor allem für marginalisierte Gruppen z.B. BIM_PoC, TINA+ Personen oder CIMND+ Gruppen als Safer Space gedacht. Bestimmten Gruppen stehen täglich Slots zur Verfügung, die im Vorfeld im Zeitplan festgelegt werden und einsehbar sind. Die Zeiträume zwischen diesen Slots können individuell von Gruppen reserviert werden. Zu diesen Zeiten wird das Zelt für Andere geblockt und ihr könnt den kompletten Raum für euch nutzen. Die Zelt-Slots können im Vorfeld über campawareness-hamm@systemli.org angemeldet werden oder ihr sprecht uns direkt auf dem Camp beim Awareness-Zelt an.
PGP Key für campawareness-hamm@systemli.org
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Wir sind mit verschiedenen Gruppen über dieses Angebot an Safer Spaces im Austausch, weshalb sich diese bis zum Camp auch noch verändern können. Informiert euch gerne nochmal beim Infopoint, wenn ihr auf dem Camp ankommt.
Camp als Raum/“Safer Space“
Wir alle handeln immer wieder diskriminierend und gewaltvoll. Das passiert oft, ohne es zu wollen und ohne, dass es uns bewusst ist. Wir können deshalb übergriffiges Verhalten niemals komplett ausschließen und daher auch keinen vollständig sicheren Ort schaffen. Um Diskriminierung entgegenzuwirken und Lernprozesse zu ermöglichen, bieten wir Material zur Information und Selbst-Reflektion auf dem Camp an.
Übergriffiges Verhalten
Falls ihr einen Übergriff erlebt oder mitbekommt, wendet euch an uns – dafür sind wir da. Bei uns findet ihr Schutz und Abstand. Unsere solidarische Parteilichkeit liegt bei der Person, die Gewalt erlittenen hat. Das gilt auch für die Definitions-Macht über den Grenzübertritt. Das heißt, wir glauben der betroffenen Person. Jedoch arbeiten wir nicht mit absoluter Sanktions-Macht. Das heißt, die betroffene Person kann nicht allein bestimmen.
Zusammen mit der Gewalt erlittenen Person werden wir machtsensibel über weitere Schritte und mögliche Konsequenzen sprechen. Dabei stehen ihre Wünsche und Bedürfnisse im Vordergrund. Es kann jedoch auch passieren, dass eventuelle Forderungen nicht erfüllt und umgesetzt werden können.
Auf dem Camp wird es zudem eine Konfiktmediation geben, die hinzugezogen werden kann.
Ausschluss vom Camp
Die Awareness AG behält sich vor, in Absprache mit der Camp-Organisation, Menschen in letzter Instanz des Camps zu verweisen bzw. uns bekannte übergriffige Personen den Zutritt zum Schutz Anderer nicht zu ermöglichen. Wir sind uns unserer Macht-Position bewusst und nutzen sie so sensibel wie möglich. Das Ziel ist einen möglichst hierarchie-armen Raum auf dem Camp zu schaffen.
Code of Conduct (Verhaltens-Kodex):
Wir möchten auf dem Camp einen möglichst barrierearmen und gewaltarmen Raum schaffen. Awareness-Arbeit ist eine kollektive Arbeit und wird von allen mitgestaltet (Das A in Awareness steht für alle). Um euch einen Leitfaden dafür an die Hand zu geben, wünschen wir uns, dass ihr auf die folgenden Punkte achtet:
Allgemeines
Wir bitten euch, euer Verhalten zu reflektieren und euch mit verschiedenen Diskriminierungs-Formen auseinanderzusetzen. Vor allem mit Diskriminierung, von der ihr nicht betroffen seid – denn auch Privilegien wirken intersektional. Wir sind alle nicht frei von Vorurteilen.
Drogenkonsum
- Auf dem Campgelände ist der Konsum legalisierter Drogen (z.B. Alkohol, Tabak) nur auf den ausgewiesenen Flächen erlaubt. Explizit drogenfrei sind die Schlafflächen, die Umgebung der Awareness-Zelte, sowie des Sanitäterinnen-Zelt.
- Wie immer gilt: achtet auf euch selbst und die Bedürfnisse der Menschen in eurer Umgebung. Das gilt insbesondere während der Party. Menschen haben unterschiedliche Beziehungen zu Substanzen wie Alkohol, Tabak und anderen Drogen. Wir möchten diesen Unterschieden auf dem Camp Raum geben.
- Aus gesetzlichen Gründen ist der Konsum von Cannabis und anderer illegalisierter Drogen auf dem Camp verboten. Das werden wir jedoch, schon rein aus Kapazitätsgründen, nicht sicherstellen können. Medikamente sind nicht davon betroffen.
Zuschreibungen
- Haltet euch zurück, wenn ihr Neugier nach der Herkunft oder Identität aufgrund des Äußeren einer Person verspürt. Es kann anstrengend oder verletzend sein, nach Herkunft oder Identität gefragt zu werden. Menschen können selbst entscheiden, was und wann sie etwas Persönliches von sich preisgeben wollen.
- Respektiert die Pronomen anderer Menschen und schreibt ihnen niemals aufgrund ihres Äußeren ein Geschlecht zu! Frage Menschen immer, wie sie angesprochen werden möchten.
- Geht nicht aufgrund des äußeren Erscheinungs-Bildes davon aus, dass ein Mensch eine bestimmte Sprache spricht oder nicht spricht. Wenn deutsch zum Beispiel eure Umgangs-Sprache ist, sprecht bitte jeden Menschen in der Aktion zuerst auf Deutsch an. Tut das, selbst wenn ihr vermutet, dass diese Person eventuell kein deutsch spricht.
Kleidung
- Lauft bitte nicht oberkörperfrei rum. Schwitzt solidarisch mit allen Menschen, die nicht das Privileg haben einfach oberkörperfrei in der Öffentlichkeit zu sein.
- Wenn ihr als weiße Menschen Filzlocken (Locks) tragt, bedeckt sie bitte mit Tüchern oder Schlauchis. Wenn ihr keine dabeihabt, könnt ihr bei uns welche ausleihen. Wir bitten euch außerdem, euch mit folgendem Beitrag im Vorfeld auseinanderzusetzten.
- Seid bitte auch bei anderen kulturellen Symbolen sensibel dafür, ob und wie ihr sie euch aneignet. Instrumentalisiert sie nicht, egal ob auf dem Camp und anderswo.
Fotos und Videos
- Fragt, bevor ihr Fotos macht, auf denen andere Menschen zu sehen sind. Geht respektvoll mit der Privatsphäre und den Sicherheits-Bedürfnissen von anderen um.
National-Flaggen und Symbole
- Wir sind der Meinung, dass Nationalismus zu Gewalt, Krieg, Unterdrückung und Hierarchien führt. Das Orga-Team wünscht sich daher ein Camp frei von Nationalismus und nationalistischer Symbolik, wozu auch Nationalflaggen gehören
- Gleichzeitig können Nationalflaggen ein Symbol antikolonialer Kämpfe sein, um auf Unterdrückung aufmerksam zu machen. Sie können zudem stellvertretend für emanzipatorische Kämpfe stehen, die weit über die Bedeutsamkeit von Nationalstaaten hinausreichen. Daher sind Solidaritäts-Flaggen (z.B. Palästina, Kurdistan) und Solidaritäts-Symbole (z.B. Kufiyas) willkommen. Wir sind solidarisch mit den Kämpfen gegen unterdrückerische, gewaltvolle und hierarchische Strukturen. Sämtliche Symbole die unterdrückerischen Nationalstaaten und Kolonialmächten zugeordnet werden, sind selbstverständlich nicht geduldet.
- Wir bitten alle Teilnehmenden darum, sensibel mit diesem Spannungsfeld umzugehen und sich in Konflikten selbstständig kritisch damit auseinanderzusetzen, welche Symbole mit welcher Geschichte auf dem Camp zu sehen sind. Flaggen können für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Bedeutungen haben und auch triggernd wirken. Wir wünschen uns gerade hier einen kooperativen Umgang miteinander, damit unterschiedliche Bedürfnisse Raum finden.
Awareness-Positionierung
Wir (das Awareness-Organisations-Team) sind weiße FLINTA+ Personen. Wir sind zum Teil neurodivergent und haben persönliche Erfahrungen mit Adultismus, Klassismus und sexualisierter Gewalt. Wir befassen uns mit struktureller Diskriminierung, anderweitiger Ausgrenzung und Gewalt in unserer Gesellschaft. Wir haben uns als in zu vielen Teilen auch nicht-betroffene Personen mit den folgenden Themen auseinandergesetzt:
- Ageismus (Diskriminierung aufgrund des Alters, auch gegenüber jüngeren Menschen (=Adultismus))
- Ableismus (Feindlichkeit gegenüber be_hinderten Menschen)
- Antisemitismus (Feindlichkeit gegenüber jüdischen Menschen, dabei richten wir uns nach folgender Definition.
- jegliche Form vom Rassismus
- Anti-Muslimischer-Rassismus (Feindlichkeit gegenüber muslimischen Menschen)
- Anti-Schwarzer-Rassismus (Feindlichkeit gegenüber Schwarzen Menschen)
- Anti-Slawischer-Rassismus (Feindlichkeit gegenüber Menschen “Ost”-Europas)
- Gadgé-Rassismus (Feindlichkeit gegenüber Sintizze und Romnja)
- Anti-Asiatischer-Rassismus (Feindlichkeit gegenüber asiatischen Menschen)
- ‘Kultur’-Rassismus (Rassismus basierend auf der Annahme über unterschiedliche “Kulturen“ statt „Rassen“ bzw. races, sowie der Unvereinbarkeit verschiedener “Kulturen“)
- Klassismus (Feindlichkeit gegenüber Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft, ökonomischen Positionierung oder ihres Bildungsstatus)
- Queerfeindlichkeit (Feindlichkeit gegenüber Menschen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder sexuellen und/oder romantischen Orientierung)
- Sexismus (Feindlichkeit gegenüber Menschen aufgrund ihres vermuteten Geschlechts. Das Geschlecht eines Menschen kann ihm nicht angesehen werden!)
Diese Aufzählung ist nicht vollständig; es gibt noch viele weitere Diskriminierungs-Formen.
Dazu sind wir uns der intersektionalen Wirkungen von Diskriminierungen bewusst.
Diskriminierung kann mensch Menschen nicht ansehen!
Wenn ihr jetzt schon wisst, dass ihr auf dem Camp Awarenessschichten übernehmen wollt, tretet gerne unserer Signal-Gruppe über diesen Link bei.
Glossar
- Awareness: aus dem Englischen „to be aware“ und bedeutet so viel wie: „sich bewusst sein, aufmerksam sein für…”. Es geht dabei (unter anderem) darum, eigene Privilegien und herrschende Macht-Verhältnisse zu reflektieren und abzubauen und Diskriminierung entgegenzuwirken.
- Adultismus: Feindlichkeit gegenüber jungen Menschen aufgrund ihres Alters
- barrierearm: Abbau von Hindernissen jeglicher Art, der möglichst allen Menschen Teilhabe ermöglicht
- Bezugsgruppe: eine Kleingruppe von Menschen mit dem Ziel gegenseitig aufeinander aufzupassen und Absprachen zu treffen.
- BIM_PoC: Black Indigenous Mixed and People of Colour
- CIMND+ :
- C = Crip (Krüppel, als Selbstbezeichnung)
- CI = Chronically ill (Chronisch Kranke)
- M = Mad (Verrückt, Selbstbezeichnung im Kontext psychischer Erkrankung)
- M = Mentally ill (Psychisch Kranke)
- N = Neurodivergent (Neurodivergente Menschen)
- D = Disabled (be_hinderte Menschen)
- D = Deaf (Taube, Gehörlose Menschen)
- intersektional: verschiedenen Bereiche überlappen sich und wirken zusammen/verstärken sich, z.B. Diskriminierungs-Formen
- FLINTA+ Personen: Steht für Frauen, Lesben, Inter, Nicht-Binär, Trans, A-Gender Menschen. Das + soll zeigen, dass alle Menschen bis auf Endo-Cis-Männliche- Menschen bei diesem Label mitgemeint sind.
- Klassismus: Feindlichkeit gegenüber Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft, ökonomischen Positionierung oder ihres Bildungsstatus
- neurodivergent sein/Neurodivergenz: Gehirnfunktionen, die von der gesellschaftlich als typisch angesehenen Norm abweichen, z.B. ADHS
- marginalisierte Menschen: bezeichnet Individuen oder Gruppen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und dadurch weniger am sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben teilhaben können
- Privilegien: angeborene/unverdiente Vorteile bzw. Sonderrechte von Personen
- Repressionen: gewaltvolle Maßnahmen zur Unterdrückung von meist politischen und aktivistischen Individuen/Gruppen/Bewegungen ausgehend vom Staat mit den Ziel diese zu zerschlagen
- Safer Spaces: diskriminierungsarme Räume, die z.B. zum Austausch, Organisieren, Pause machen genutzt werden können•Sexualisierte Gewalt: Gewalt, die gegen die sexuelle Selbstbestimmung eines Menschen geht
- Sexualisierte Gewalt: Gewalt, die gegen die sexuelle Selbstbestimmung eines Menschen geht
- Endo-Cis-Männlich: ein Mensch der bei der Geburt als Männlich gelesen wurde und sich damit auch identifiziert
Quellen
- Awareness Konzept des SCC 2022
- Awareness Konzept des SCC 2023
- Awareness Konzept des SCC 2025
- Awareness Konzept des Stop Deportation Camps 2023
- Awareness Konzept des Camp und Aktion Rügen 2023
- Awareness Positionierung Demmin 2025
- Wi(e)derstand nach dem Fall (Zine)
